

Liebes Salvation&Service-Team,
als Germanist und praktizierender Literaturwissenschaftler habe ich mich über die Titelstory der Oktoberausgabe „Lesen? Literatürlich!“ sehr gefreut, zumal in einem Magazin, das sich durch modernes Layout den Nimbus der Jugendlichkeit zu geben versucht, und auf eine differenzierte und erfrischende Auseinandersetzung gehofft.
So könnte man anfangen, der Höflichkeit halber und weil es gut zu einem Leserbrief passt, aber ganz ehrlich: Ich habe Schlimmes befürchtet, wurde aber enttäuscht, indem ihr meine Erwartungen weit mehr als erfüllt habt.
Ich schließe mich den bisherigen Leserbriefen im Grundtenor an, dass euren aufklärerischen Artikeln der gute Wille sicherlich nicht abzusprechen ist, aber das Gegenteil von gut gemeint kennen wir alle…
Ich möchte mich neben dem Leitartikel auch auf eure so ansprechend trendy titulierte „Ellen (Message)“ beziehen und gleich voranstellen, dass die prinzipiellen Bedenken in Bezug auf die Wichtigkeit der Bibellektüre meine volle Zustimmung finden, wie auch die Teile des Leitartikels, die sich auf Lesen im Allgemeinen oder auf die schönen Erfahrungen des Bruders Miller beziehen.
Die Bedeutung ihrer Abhandlungen unterstreicht EGW gleich anfangs mit dem Hinweis: „Ich wurde unterrichtet, dass die Jugend in großer Gefahr steht, durch schlechte Lektüre verdorben zu werden.“ Sie meint hier also mit Vollmacht, mit göttlicher Inspiration zu sprechen. Leider steht sie mit ihren folgenden Aussagen in Widerspruch zu der Vorgangsweise unseres Erlösers in der Heiligen Schrift.
Kommen wir gleich zu des Pudels Kern. Abgesehen von Behauptungen wie „Geschichten, Sagen und ähnliche[] Literatur“ machten „untauglich für Pflichten“, führten zu einem „unwirkliche[n] Leben“ dem Erlöschen des „Bedürfnis[ses] danach, in der Bibel zu forschen“ und ihrem an das Jahr 1933 erinnernden Ausspruch: „Könnte man einen großen Teil der Bücher, die herauskommen, vernichten, würde einer Seuche gewehrt werden,…“ (dem ich passender Weise Heinrich Heines Diktum „wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ gegenüberstellen möchte) kommt sie zu der für mich ärgerlichsten und problematischsten Stelle: „Märchen, Mythen und ausgedachte Geschichten“ werden „Bücher voller Lüge“ genannt, die ein „falsches Weltbild“ vermitteln.
Konzentrieren wir uns hier auf ihre sehr unmissverständliche Gleichsetzung Fiktion = Lüge, die ja in vielen von EGWs Schriften auftaucht, meist ausgehend von dem hier angesprochenen Text über das Lesen. Anstatt eine inhaltliche bzw. literaturtheoretische Argumentation vorzunehmen (die in eurem Medium wohl auf wenig Zustimmung bzw. Verständnis stoßen würde), möchte ich einige Bibelstellen anführen, die diese absolute Aussage relativieren sollten.
Die Frage, die im Leitartikel kurz gestreift, aber nicht durchdacht wird („Ist Gott gegen Kunst? Das glaube ich nicht!“), ist, wo Kunst und Fiktion beginnen und vor allem wo sie beginnen, in Beziehung mit einander zu treten.
Ist ein Vergleich eine Lüge (Matth 13,31 – „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn“)?
Ist eine Metapher (Begriff hier umgangssprachlich verwendet) noch „wahre“ Kunst (im Sinne eures Leitartikels) oder schon Fiktion, „Lüge“ (im Sinne Ellens Message): „Ihr seid das Salz der Erde“ (Matth 5,13)? – Ich bin doch ein Mensch, kein Salz.
Was ist mit einer Personifikation (Matth 6,3 – „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“, Ps 19, 2 – „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und die Feste verkündigt seiner Hände Werk?“)? Meine Hände wissen nichts, der Himmel kann nicht sprechen. Ist das noch unverfälschte Kunst oder schon synästhetische Sinnestrübung?
Was ist mit einer Metonymie (Matth 6,11 – „Unser tägliches Brot gib uns heute“). Gemeint ist doch mehr als Brot, pars pro toto.
Kurz: Gibt es auf der Wortebene und Satzebene noch keine Fiktion, ist also die Überschreitung des Wortsinnes noch „Wahrheit in poetischer und äußerst kunstvoller Weise dargestellt“, wie es in eurem Artikel so schön heißt? Literaturwissenschaftlich bewegen uns wir auf dem heiß umkämpften Feld der Metapherntheorie (ich empfehle etwa die Lektüre des christlichen Forschers Paul Ricoeur), aber ich schätze, das ist den wohlmeinenden Schreibern eures Magazins ziemlich egal, da sie die Antworten ja praktischer Weise einfach kennen. (Damit ist jetzt nicht Ellen (Message) gemeint.)
Bei dieser poetischen Sinnverschiebung bzw. -erweiterung auf Wort- und Satzebene würde EGW wohl noch nichts einzuwenden haben, spricht sie doch von „erdachten Geschichten“ auch von „Büchern, die sich religiöse Romane nennen“, die sie mit Lügengeschichten gleichsetzt – also von der Textebene.
Das heißt, nach Meinung von EGW sind alle Geschichten, die nicht passiert sind, die also „nur“ erfunden werden, Lüge. Auch solche – sie sagt das ja ganz explizit –, die der religiösen Unterweisung dienen. Jede Kindersabbatschultante, die ihren Kleinen etwas anhand von sprechenden Tieren oder Blumen veranschaulichen möchte, lügt also. Sie lügt eigentlich schon, wenn sie den Kindern die Geschichte eines kleinen „Maxi“ erzählt, den es nie gegeben hat.
Wenn alles Erdachte nun aber Lüge ist, lügt auch Jesus.
Oder wird Fiktion zur Wahrheit, wenn sie explizit als Fiktion bezeichnet wird, wie in vielen Gleichnissen Jesu? („Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen…“)
Sind „versteckte“ Gleichnisse oder Parabeln Sünde – wie die aus veranschaulichen Gründen eingeführte, aber nicht als Gleichnis gekennzeichnete, Geschichte in Matth 13,3f – „Siehe, ein Sämann ging aus, zu säen…“? Ist Zahlensymbolik Lüge (Matth 18,21 – „siebzigmal siebenmal“) oder die einfach so in den Raum gestellte Geschichte vom verlorenen Sohn (Matth 21,28 – „Es hatte ein Mann zwei Söhne…“)?
Oder glaubt EGW (und ihr Redakteure), dass Jesus nie erfindet, sondern immer „Wahres“ berichtet? (Beim Gleichnis „Der arme Samariter“ spricht EGW ganz deutlich an, dass es nicht um eine erfundene Geschichte handelt. – Leben Jesu, S. 499-500.)
Und macht das tatsächlich einen Unterschied?
Jesu Erklärung seines Opfers in Joh 6,22f („Brot des Lebens“) wird gerade wegen der bildhaften Sprache missverstanden (weil die Menschen dazu neigten, seine Umschreibung wörtlich zu nehmen).
Erzählt uns die Wahrheit immer mehr bzw. Besseres als eine Geschichte?
Oder erzählen uns sprachliche Bilder (auf allen Ebenen) nicht eben oft das Unsagbare (z.B. wie es auf der neuen Erde zugehen wird) – Jes 65, 25: „Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR“ – ohne dass es dort jetzt unbedingt wortwörtlich so sein müsste?
Auch EGWs Einschätzung: „Diejenigen, die erdachte Stoffe lesen, geben einem Übel nach, das geistliches Leben zerstört und die Schönheit der Heiligen Schrift untergräbt“, ist mir gar nicht nachvollziehbar. Das passiert vielleicht, wenn man sich immer verkrampft von „der Welt“ fernhält und nie lernt, mit Graubereichen selbstständig, selbstbewusst und mit Gottes Beistand umzugehen. Diese etwas paranoid anmutende Befürchtung findet sich auch in ihrem Satz, Romane nach der Taufe seien, „als ob man einem Abhängigen Rauschgift gibt.“
Dagegen hätte EGW gerne ihre eigenen Bücher verbreitet gehabt und „dass auch alle Nachbarn sie lesen“ – Beweis für ihre eigene blühende Phantasie, zumindest in unserer Gesellschaft.
Wir wissen, dass EGW trotz ihrer geringen Bildung dank Gottes Gnade große Wahrheiten verkündet hat. Ich sehe allerdings nicht ein, warum meinen knapp 2000 Bibelseiten das zumindest Zehnfache an EGW-Seiten gegenüberstehen sollte, die alle gleichermaßen als inspiriert gelten (ihre eigene Stellung und die teils widersprüchlichen Aussagen dazu dürften euch bekannt sein). Und wenn Teile nicht inspiriert sind, was kümmern sie mich dann? (Das könntet ihr einmal für einfache Laien in eurem Heft erklären, eine Theorie der „Kanonisierung“ von EGW, wie sie auch bei der Bibel einst gemacht wurde.)
In eurem Artikel spricht EGW von Inspiration. An der Schrift gemessen, kann ich das nicht nachvollziehen. Mein Erlöser lügt nicht, wenn er uns Menschen durch „erdachte Geschichten“ komplexe Wahrheiten verständlich macht. Mit absoluten Aussagen sollte man vorsichtig sein; meist schafft man damit nichts Gutes.
Ein Gedanke drängt sich auf: EGW verstand nicht viel von Kunst. Vielleicht sollten wir ihre interpretatorische Enge verlassen und uns lieber auf die Weite der Bibel konzentrieren, wo Kunst- und Kunsthandwerk hoch geschätzt werden. Einige sehr schöne Gedanken zum Thema Adventgemeinde und Kunst finden sich auch im Dezemberheft des Adventechos. Man dürfte dort die entsprechenden EGW-Stellen nicht kennen oder zumindest anders bewerten.
Dort bringt man auch einen sehr grundlegenden Gedankengang, den auch ich in Bezug auf Kreativität immer für augenscheinlich gehalten habe: Gott, der Schöpfer, hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Deshalb ist der Mensch auch schöpferisch. Wenn die Gemeinde die menschliche Phantasie, die durch Neukombination oder schierer Erfindungskraft, Neues schafft (genau wir Gott unsere ganze Welt aus dem Nichts geschaffen hat), kleingeistig beschneidet, kann ich daran nichts Nachahmenswertes entdecken. Schon 1933, um auf die Idee der Büchervernichtung zurückzukommen, war die Idee der Definition „wahrer Kunst“ eine schlechte.
Nun zu einem letzten immer wieder vorgebrachten, doch im Grunde sehr naiven, und letztlich hochmütigen Argument: Die Schöpfungen Ungläubiger könnten nur schlecht und verführerisch sein. (EGW: „Eine weitere Quelle der Gefahr, gegen die wir immer auf der Hut sein sollten, ist das Lesen ungläubiger Autoren.“) In eurem Leitartikel wird in dem Absatz über berühmte Schriftsteller jenen zwar gönnerhaft zugestanden, ihr Handwerk zu beherrschen, die Autorin, die sich „in den letzen Wochen mit den Lebensläufen einiger dieser Persönlichkeiten“ beschäftigt hat (und damit wohl ihre Kompetenz begründet), ist „allerdings nachdenklich geworden“ und fand Unmoral, Ablehnung Gottes und Okkultismus. „Wenn einer von diesen ‚Dichterfürsten’ heute leben würde, würden wir [wer?] vielleicht davor warnen, etwas von ihnen zu lesen. Jetzt aber, viele Jahrzehnte später, beugen wir uns ehrfürchtig vor den Inbegriffen der Bildung und Kultur.“ Messerscharf argumentierend fragt sie dann, welche Bücher es nun seinen, die „nicht nur billige Unterhaltung liefern, sondern Leben verändern?“ und kommt zu von Gott Inspiriertem und EGW.
Ich hätte ihr schon einige ‚Dichterfürsten’ genannt, die mein Leben entscheidend geprägt haben und mich letztlich (freilich oft nicht direkt) näher zu Gott gebracht haben. Es wird dann EGWs redundante Aufforderung zitiert, „sich nicht mit fiktiver Literatur, weltlichen Zeitschriften oder ungläubigen Autoren zu beschäftigen, weil dadurch die Freude am Wort Gottes geschwächt wird.“
EGW weiter: „Hinterfragt eure eigene Erfahrung mit dieser leichten [!] Literatur. Könnt ihr, nachdem ihr Zeit mit dem Lesen solcher Dinge verbracht habt, die Bibel öffnen und mit Interesse die Worte Gottes lesen? Findet ihr die Bibel dann nicht uninteressant?“
Mit Leichtigkeit antworte ich: Ja (das heißt: nicht uninteressant). War das alles?
Es ist nicht an uns, über Menschen zu richten. Was wissen wir, wer sich nicht noch am Totenbett bekehrt hat. Überhaupt, dieses entsetzte Feststellen, welche Literaten nicht alle ein furchtbar unmoralisches Leben geführt hätten! Ich würde vorschlagen, da mal in der Musikgeschichte zu stöbern – es würde recht eintönig zugehen, wenn alle „bösen“ Komponisten schweigen müssten.
Aber wie ist das jetzt eigentlich – dürfen wir Werke von Menschen rezipieren, die am Ende ihres Lebens bekehrt waren, die immer bekehrt waren oder von solchen, die zumindest während des Schaffens eines bestimmten Werkes gerade keine (Glaubens)Krise gehabt haben? Denn vielleicht hat ja ein an sich „guter“ Künstler gerade bei einem bestimmten Werk unter Satans Einfluss gestanden? Bloß, wie finden wir das heraus?
Das schiere Vorhandensein von unmoralischen Inhalten, bzw. solchen, die unseren christlichen Überzeugungen zuwiderlaufen, kann ja wohl nicht zum unterscheidenden Element gemacht werden, seien sie schon im Werk bewertet oder nicht – denn die Bibel selbst ist voll davon (denken wir nur an die Familie Davids) – und lehrt auch dadurch. Erst im größeren Zusammenhang und nach reiflichen Überlegungen und Gebet können diese Inhalte richtig verstanden werden. Und oft ist es nicht der Inhalt an sich, sondern erst das, was wir Menschen daraus machen, was über gute und schlechte Wirkung entscheidet.
Den Dreischritt Wahrnehmen – Interpretieren – Bewerten sollte man sich nicht durch ein simples Über-einen-Kamm-Scheren ersparen. Selber denken macht klug. Und ermöglicht es auch, den eigenen Glauben zu vertreten.
Allzu oft wird es sich leicht gemacht: Diesen Film sehe ich mir nicht an, dieses Buch lese ich nicht, die Musik ist nichts für mich, dieses Bild ist abstoßend, denn darin geht es um Ehebruch, Mord, Diebstahl, Zauberei, Elfen, Drachen, Städte unter dem Meer, urzeitliche Welten im Inneren der Erde, Meerjungfrauen, Däumelinchen, sprechende Bienchen, fliegende Teppiche, Flaschengeister, Hexen, Einhörner und tapfere Schneiderleins. Gar nicht so einfach, da eine klare Grenze zu finden: Verdirbt das Mädchen mit den Schwefelhölzern den Jenseitsglauben unserer Kinder, oder das tickende Krokodil in Peter Pan, die Hexe aus Hänsel und Gretel, oder erst der Zauberer aus Herr der Ringe? Ist es schlecht, dass Puh der Bär im Hundert Morgen Wald lebt oder ist erst die schwarze Fee in ihrem dunklen Horst gefährlich, die das Dornröschen verzaubert? Ist es Mephisto im Faust oder der Teufel der Wiener Sagen, der Höllenhund Zerberus der griechischen Antike oder der dreiköpfige Hund in Harry Potter, das Schlangenhaupt der Medusa oder gar der Leviathan im Buch Jesaja, das Schlaraffenland, das Nimmerland, das Lummerland oder Rapunzels Haarband, die uns vom rechten Weg abbringen? Ist es Dantes „Göttliche Komödie“ oder Dürers „Apokalypse“, weil sie darstellen, was es nicht gibt bzw. was sie nicht darstellen sollten, ist es die Musik des vermeintlichen Freimaurers Mozart, des oft depressiven Mahler, des Frauenhelden Debussy oder des Frauenhelden David (von der wir nur wissen, wie schön sie wahr) – oder „Martha, my dear“ des Beatle Paul McCartney (ein Lied für seinen Hund)?
Ist jedes Werk eines Menschen schlecht, nur weil er in seinem Leben manchmal, oft, oder ganz und gar versagt hat?
Es sei mir erlaubt, diese eine rhetorische Frage zu beantworten: Nein, natürlich ist das nicht so! Völliger Humbug!
Die Kenntnis der Suche eines Menschen/Künstlers nach was auch immer ermöglicht mir zumindest ein besseres Verständnis meiner Umgebung, oft auch meiner selbst – und damit auch einen nachvollziehbaren Weg, den Menschen zu zeigen, dass manche Leerstellen nur von Gott gefüllt werden können. Auch Falsches ist da oft ein Reibebaum, an dem unsere Überzeugungen wachsen können.
Ich habe jetzt viel geschrieben und weiß, dass ich mit dieser Meinung in der Gemeinde nicht alleine dastehe, dass sie aber sicher auch nicht viele teilen. Sei’s drum!
Mir wird jedenfalls übel, wenn ich all diese 08-15 Phrasen lese, wenn große Werke (die meist nicht aus bloßer Tradition „groß“ sind, sondern weil sie Zeitloses vermitteln, siebzigmal siebenmal „schwerer“ als ein Gutteil der vermeintlich christlichen Wortsaucen-Literatur) einfach abqualifiziert werden mit: Autor unchristlich (glaub ich halt), ist sicher doof (gelesen hab ich’s eigentlich nicht) à böse.
Mögen sich auch die meisten Menschen sicher hinter eintönig gefüllten Bücherregalen in ihrer Welt verschanzen und ihre stumpfen Giftpfeile auf „draußen“ verschießen, muss man doch ab und zu in aller gebotenen Höflichkeit (und EGWs kernige Ausdrucksweise mit gleicher Münze zurückzahlend) sagen:
Wir sind nicht alle so.
Marcel
Lieber Marcel!
Danke für dein Feedback. Ich habe wirklich erwartet, dass die Literaturwissenschaftler auf die Barrikaden gehen würden, dafür aber bisher recht wenig Rückmeldungen bekommen.
Ich bin nicht so kunstfeindlich, wie man bei diesem Artikel denken könnte. Im Gegenteil: Als Geigenlehrerin, aus einer Musikerfamilie stammend, ist mir das Spannungsfeld bekannt, in dem wir uns hier bewegen. Die Tiefen klassischer Musik erschließen sich nicht jedem in der Gemeinde, genauso wenig wie die der Literatur.
Wenn man Ellen White zu diesem Thema befragt, ist man erstaunt (bzw. schockiert), wie vehement sie argumentiert – unerträglich für diejenigen, die eine gymnasiale Ausbildung in Europa genossen haben. Dementsprechend unwohl habe ich mich zeitweise gefühlt. Ich fühle mich dem, was sie schreibt, verpflichtet, gleichzeitig möchte ich nicht jenen bildungsfeindlichen Adventisten das Wort reden, die aus ihrer Not (der mangelhaften Bildung) jetzt eine Tugend machen wollen. In diesem Punkt kannst du mich vielleicht verstehen, mit dem Unterschied, dass du mich in diesem Lager vermutest.
Wie sollte ich vorgehen? Ich hätte die Aussagen EGWs ignorieren können und den Jugendlichen einfach nur das Lesen an sich schmackhaft machen können – sehr unverfänglich. Ich hätte deutlich machen können, dass früher das Romanelesen eine Gefahr für den Glauben war, wir heute aber durch Filme und Computerspiele ganz andere Möglichkeiten haben, unseren Charakter zu verderben und uns daher freuen sollten, wenn unsere Jugendlichen lesen (und so ist es ja auch, oder?). Doch dann hätte ich wieder nur die Hälfte gesagt – und nur das, was alle gern hören.
Ich hätte den Bereich „Bibel und Kunst“, bzw. „Ab wann ist etwas Fiktion?“ tatsächlich weiter ausbauen sollen. Gleichnisse, Poesie und sprachliche Figuren der Bibel geben uns ein Beispiel dafür, wie christlich-literarische Kunst aussehen könnte. Gleichnisse und Metaphern stellen offensichtlich kein Problem dar (unsere Liste mit Büchern enthielt auch zwei Gleichnisse), doch würde ich sie nicht mit einer religiös motivierten Romanserie etc. vergleichen.
Bei Fiktionen fand ich das, was EGW unter Inspiration schreibt, zu eindeutig, um etwas anderes zu behaupten. In vielen Bereichen, kann man Dinge relativieren, indem man klarstellt, dass sie damals etwas anderes meinte, als wir heute haben. Wenn sie allerdings Bücher wie „Onkel Toms Hütte“ und „Robinson Crusoe“ in Frage stellt, frage ich mich wirklich, was sie zu unseren Büchern heute sagen würde! Ich habe also keine Möglichkeit gesehen, etwas abzuschwächen. Mit welchem Recht sollte ich das tun? Wer sagt mir, dass mein Empfinden hier richtig ist? Ich kenne mich ja selbst: So mancher spannende Roman kann mich mehr fesseln und berühren als die Bibel.
Ich frage mich bei alledem, ob es nicht einen Mittelweg zwischen plumper Bildungsfeindlichkeit und weltlicher Kunstliebe gibt. Es bleibt sicher ein Ringen, aber gerade die intellektuellen Adventisten wären hier gefragt. Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist. Allerdings gehört dazu die Bereitschaft, unsere Gesellschaft und Kultur einmal völlig in Frage zu stellen. Vielleicht läuft ja wirklich alles verkehrt und unser gesamtes Empfinden, auch unser Kunstsinn ist verdorben? Ein Unterschied besteht wohl auch darin, ob ich etwas lese, weil ich mich an der Uni kritisch damit auseinandersetzen muss oder, ob ich freizeitmäßig so wähle.
Was den biographischen Hintergrund bestimmter Autoren angeht, muss ich dir Recht geben, dass man hier vorsichtig sein muss. Auch ungläubige Denker haben wichtige Wahrheiten erkannt (so sieht das auch EGW). Dennoch ist die Frage nicht unberechtigt. Sollte sich tatsächlich jemand – selbst wenn es Goethe wäre – okkulter Quellen bedient haben, würde ich schon erwarten, dass sich das auch in seinen Schriften niederschlagen würde. Ich weiß, dass jetzt mit Mozart und Beethoven gekontert wird, doch finde ich den Einfluss von Sprache noch etwas stärker als den der Musik, die eher nur Emotionen vermittelt.
Letztendlich fehlt es in Musik wie auch in Literatur an einer starken christlichen Gegenkultur. Oft stehen wir so nur vor der Alternative weltliche Kunst oder gar keine. Das ist für unser Thema ein äußerst unglücklicher Umstand.
Wenn es diesen ausgewogenen Weg nicht gibt, muss jeder gebildete Akademiker und Kunstliebhaber sich früher oder später vom traditionellen Adventismus verabschieden, weil er zu krass für ihn ist. Dann kann EGW keine Prophetin sein, weil sie Dinge sagt, die dem Verstand, geschärft an der humanistischen Bildung, zuwiderlaufen. Ich glaube aber, wie gesagt, dass man adventistischen Glauben, Kunst und Denken mit Gottes Hilfe vereinbaren kann. Mein Artikel wird diesem Thema in der Fülle nicht gerecht, dessen bin ich mir bewusst, aber vielleicht kann meine Antwort etwas davon wiedergutmachen und zu weiteren Gedanken anregen.
Luise Schneeweiß